Dark Patterns und der Digital Fairness Act: Was auf Websites und Apps zukommen könnte

Kurz gesagt: Die EU plant mit dem Digital Fairness Act Regeln gegen manipulative Gestaltung, schwer kündbare Abos und unfaire Personalisierung. Ein Vorschlag der Kommission ist für Ende 2026 angekündigt. Was dort verhandelt wird, ist am Ende aber weniger eine Rechtsfrage als eine Gestaltungsfrage. Und die wichtigsten Punkte können Sie heute an Ihrem eigenen Produkt prüfen.

3D-Illustration eines Hütchenspiels als Sinnbild für Dark Patterns: Eine Hand hebt eines von drei gleich aussehenden Hütchen, darunter ist eine Kugel sichtbar.

Kennen Sie das?

Zwei Klicks, und das Abo läuft. Kündigen? Erst einloggen. Dann drei Menüebenen tiefer suchen. Am Ende doch noch eine E-Mail an den Support senden.

Die Frage ist nicht nur, ob Sie das als Nutzer:in kennen sondern, ob es auch in Ihrem eigenen Produkt passiert, ohne dass es jemandem auffällt.

Solche Wege wachsen über Jahre. Jede Änderung war einzeln begründet, weil sie besser konvertierte – nutzerzentriert ist das selten. Manchmal ist das Absicht, manchmal passiert es einfach, weil man sie nicht erkennt. Zusammen ergeben sie was Fachleute ein sogenanntes “Dark Pattern” nennen.

Was sind Dark Patterns?

Dark Patterns sind Gestaltungsmuster, die Nutzer:innen zu Entscheidungen drängen, die nicht in ihrem Interesse liegen.

Drei Mechanismen stecken hinter fast allen Varianten.

  • Lenken. Eine Option sticht hervor, die andere versteckt sich. Großer farbiger Button gegen kleinen grauen Link. Oder das Häkchen ist schon gesetzt.

  • Drängen. Ein Countdown läuft ab und beginnt beim Neuladen von vorn. Ein Pop-up kommt nach jedem "Nein" zurück.

  • Verbergen. Die Information ist da, nur nicht dort, wo man sie sucht. Gebühren im letzten Schritt, die Laufzeit im Kleingedruckten, der Kündigungsweg im Hilfecenter.

Wie häufig ist das? Die EU-Kommission hat 2023 mit den nationalen Verbraucherschützern 399 Online-Shops geprüft. In 148 fand sie mindestens ein solches Muster. Gesucht wurde dabei nur nach drei davon. Die reale Quote betroffener Shops könnte daher höher liegen.

Den Schaden für Verbraucher in der EU schätzt die Kommission auf mindestens 7,9 Milliarden Euro pro Jahr. Darin stecken alle unfairen Praktiken im Netz, nicht nur Gestaltung.

Was gilt schon heute?

Mehr, als die meisten denken. Dark Patterns sind kein rechtsfreier Raum. Das europäische Verbraucherrecht und die DSGVO greifen, sowie für große Plattformen gilt zusätzlich der Digital Services Act. In Deutschland brauchen bestimmte online abgeschlossene Verträge außerdem einen Kündigungsbutton.

Am klarsten ist die Lage beim Cookie-Banner. Die europäischen Datenschutzbehörden haben 2023 aufgeschrieben, was sie als Verstoß ansehen: kein "Ablehnen" neben "Akzeptieren", ein farblich hervorgehobenes "Alle akzeptieren", vorausgewählte Häkchen. Ein Vorschlag aus Brüssel würde die Ablehnung per Klick zur Pflicht machen. Das wird noch verhandelt.

Was der Digital Fairness Act ändern soll

Der Digital Fairness Act soll das Verbraucherrecht für das Netz nachschärfen. Eine Überprüfung der EU-Kommission hatte gezeigt: Bestehende Regeln greifen online kaum.

Deshalb stehen mehrere Themen im Fokus: manipulative Gestaltung, schwer kündbare Abos, suchtfördernde Funktionen wie endloses Scrollen und Autoplay, unfaire Personalisierung, Influencer-Werbung und besonderer Schutz für Kinder und Jugendliche.

Wie streng das Gesetz wird, ist noch offen. Verbraucherverbände wollen die verbreitetsten Gestaltungsmuster ausdrücklich verbieten, Personalisierung standardmäßig abschalten und einen europaweiten Kündigungsbutton.

Wirtschaftsverbände wie die DIHK halten die bestehenden Regeln für ausreichend und sehen das Problem bei der Durchsetzung. Bis ein Entwurf vorliegt und Parlament und Mitgliedstaaten verhandelt haben, kann sich viel ändern.

Fairness by Design: das Prinzip dahinter

Ein Begriff aus der Vorarbeit der Kommission ist für Gestalter interessanter als jede Frist: Fairness by Design. Die Idee dahinter ist einfach. Fairness wird nicht am Ende geprüft, sondern von Anfang an eingebaut. Konkret nennt der Bericht zum Beispiel “Drip Pricing”, also einen Preis, der im Bestellprozess durch späte Gebühren steigt. Der europäische Verbraucherverband BEUC will das Prinzip zur Pflicht machen, und zwar "by design and by default": fair gestaltet und fair voreingestellt.

Das kennen wir schon. Privacy by Design in der DSGVO. Barrierefreiheit im BFSG. Beides ist heute eine Anforderung an den Entwurf. Bei manipulativer Gestaltung läuft es offenbar genauso.

Für Sie heißt das: Sie müssen auf keinen Gesetzestext warten. Wer sein Interface jetzt an diesem Prinzip ausrichtet, muss später kaum nachziehen. Fairness ist dann eine Gestaltungsfrage, keine Rechtsfrage.

Darüber hinaus respektiert faires UX-Design die Entscheidungsfreiheit der Nutzer:innen. Es verzichtet bewusst auf manipulative Design-Tricks, die Menschen zu Dingen drängen, die sie eigentlich nicht wollen.

6 Fragen an Ihr Interface

Sechs Fragen, die Sie selbst durchgehen können, mit Ihrem Produkt und zehn Minuten Zeit.

  1. Kündigung. Geht sie so einfach wie der Abschluss, am selben Ort?

  2. Ablehnen. Ist “Ablehnen” genauso sichtbar und schnell erreichbar wie “Zustimmen”?

  3. Preis. Stehen Gesamtpreis, Laufzeit und Verlängerung vor dem Kauf?

  4. Zeitdruck. Stimmen Countdown und “nur noch 2 verfügbar”?

  5. Testphase. Weiß man, wann die Testphase endet und was sie danach kostet?

  6. Voreinstellungen. Sind Häkchen, Autoplay und Benachrichtigungen für Ihre Nutzer:innen gesetzt oder für Ihre Kennzahlen?

Was Dark Patterns wirklich kosten

Dark Patterns funktionieren. Kurzfristig. Ein kontrolliertes Experiment zeigt: Aggressive Varianten vervierfachen die Anmelderate, milde verdoppeln sie. Und sie erschweren die Kündigung gezielt. Deshalb überleben sie jeden A/B-Test.

Der Preis steht woanders. In Support-Anfragen, die mit “Wie kündige ich eigentlich?” anfangen. In Rückbuchungen. In Bewertungen. Bei den Leuten, die nach dem ersten Mal nicht wiederkommen. Nichts davon landet im Conversion-Dashboard.

Ein Test, der ohne Messung funktioniert: Würden Sie Ihren Bestell- und Kündigungsweg jemandem zeigen, der Ihnen vertraut, mit dem Satz “So behandeln wir Menschen, die bei uns kaufen”?

Häufige Fragen

Ist der Digital Fairness Act schon in Kraft?
Nein. Es liegt noch kein Vorschlag der Kommission vor. Angekündigt ist er für Ende 2026. Danach verhandeln Parlament und Mitgliedstaaten. Inhalte und Fristen sind offen.

Sind Cookie-Banner mit hervorgehobenem ‘Alle akzeptieren’ noch erlaubt?
Die europäischen Datenschutzbehörden sehen es als Verstoß, wenn "Ablehnen" auf der ersten Ebene fehlt, wenn "Alle akzeptieren" hervorgehoben ist oder wenn Häkchen vorausgewählt sind. Das steht in einem Bericht von 2023. Für Ihren Fall lassen Sie das besser rechtlich prüfen.

Gibt es in Deutschland schon einen Kündigungsbutton?
Ja. Für bestimmte online abgeschlossene Verträge mit Verbrauchern ist eine Kündigungsschaltfläche Pflicht. Ob Ihr Angebot dazugehört, sollten Sie im Zweifel rechtlich klären lassen.

Betrifft mich das als kleines Unternehmen?
Beim neuen Gesetz hängt das vom Text ab, vor allem von Ausnahmen für kleine Anbieter. Die heutigen Verbraucherschutzregeln gelten aber unabhängig davon, sobald Sie an Verbraucher verkaufen.

Fazit und nächster Schritt

Die Richtung ist klar, auch ohne Gesetzestext. Interfaces sollen Entscheidungen ermöglichen, nicht erzwingen. Fairness by Design ist dafür der Maßstab, die sechs Fragen oben sind der schnellste Einstieg.

Sie wollen es genauer wissen? In einem UX-Audit für Websites und Apps prüfe ich Abschluss- und Kündigungswege, Preisdarstellung, Einwilligungen und Voreinstellungen. Sie bekommen eine Liste, die nach Dringlichkeit sortiert ist.


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Hinweis: Das ist eine Orientierung aus UX-Perspektive, keine Rechtsberatung.

Quellen

Zdenka Deskovic

UX & AI Product Designerin für intuitive digitale Produkte, KI Automatisierung und effiziente Workflows. Ich verbinde Nutzerbedürfnisse mit messbarem Geschäftserfolg.

https://www.zdenkadeskovic.com
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